Eine Soziologische und gesellschaftliche Einordnung

4–6 Minuten

​Als Kultur- und Medienpädagoge verfolge ich die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen (2026) mit großer Sorge: Der rechtsextreme Zuspruch in der Bevölkerung hat in den letzten Jahren spürbar zugenommen. Eine zentrale Rolle spielt dabei die digitale Welt – insbesondere Social Media und das Internet. Dieser Artikel ist eine Erweiterung des eig. Hauptthemas bez. der Zuspruchgewinnung der AFD-Partei trotz rechtsextremer Tendenzen und Ideologien.


Hier geht es zum Hauptartikel bez. dem Zuspruch der Partei AFD.


Durch den exzessiven und professionell inszenierten Auftritt von AfD-Politikern sowie reichweitenstarken Content-Kreatoren, die Livestreams von Demonstrationen (etwa gegen links oder gegen LGBTQ+ oder pro-afd) verbreiten, gezielt Pro-AfD-Inhalte produzieren und Online-Räume besetzen, werden vor allem junge Menschen täglich erreicht.​Mir ist es daher ein persönliches und fachliches Anliegen, Kinder, Jugendliche, Lehrlinge, Eltern und Familienangehörigen durch gezielte Aufklärung und Medienbildung zu schützen. Es geht darum, Eltern sowie Bezugspersonen über die Fakten, Strategien und subtilen Herangehensweisen rechtsextremer Rekrutierter im Netz aufzuklären, um rechtzeitig Sensibilität und Handlungssicherheit zu schaffen.​

Inhaltliche Einordnung der Partei

Um die politische Ausrichtung und das Handeln der AfD sachlich einzusortieren, lohnt sich ein strukturierter Blick auf die verschiedenen Facetten und konkreten Beispiele ihrer Agitation. Eine gesellschaftspolitische Einordnung zeigt dabei deutliche Schnittmengen mit folgenden Kategorien:

  • Demokratiefeindlichkeit: Systematische Abwertung demokratischer Institutionen, anderer Parteien und der Presse. Neben der ständigen Diskreditierung demokratischer Mitbewerber als angebliche „Altparteien“ bei gleichzeitigem unkritischen „Lobsingen“ der eigenen Partei zeigt sich dies auch in der gezielten Verwendung von Kampfbegriffen wie „Staatsmedien“ oder „Lügenpresse“ zur Herabwürdigung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Hierzu zählt auch die Abschaffung des Verfassungsschutzes. Auch die Forderung nach strafrechtlicher Verfolgung bezogen auf andere Parteien und Politiker verstößt gegen das Demokratieprinzip.
  • Verfassungswidrigkeit / Rechtliche Einstufung:​ Bestätigung als rechtsextremistischer Verdachtsfall durch das OVG Münster: Das Oberverwaltungsgericht NRW hat gerichtlich bestätigt, dass das Bundesamt für Verfassungsschutz die AfD bundesweit zu Recht als rechtsextremistischen Verdachtsfall führt.​
  • Verstoß gegen die Menschenwürde (Art. 1 Abs. 1 GG): Völkisch-ethnische Konzepte wie Forderungen nach pauschalen Deportationen („Remigration“) oder der Aushöhlung von Beschuldigten- und Häftlingsrechten. Insbesondere durch die angestrebte rechtliche Abwertung von Staatsbürgern mit Migrationshintergrund. Landesverbände: Mehrere Landesverbände (darunter Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt) werden von den Verfassungsschutzämtern bereits als gesichert rechtsextremistisch eingestuft.
  • Verstoß gegen den Gleichheitsgrundsatz (Art. 3 GG): Benachteiligung und Diskriminierung von Menschen aufgrund von Herkunft, Religion oder geschlechtlicher Identität (z. B. ungleiche Vergabe von Sozialleistungen nach Abstammung oder Ablehnung der Inklusion behinderter Kinder an Schulen). Aber auch die Trennung von Migranten und Flüchtlinge durch eigene Klassen stellt eine Segregation dar und verstößt zudem gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG).
  • Menschenrechtsverletzungen & Ausländerfeindlichkeit & Islamfeindlichkeit: Diskriminierende Differenzierungen (z. B. die Unterscheidung zwischen „Blutsdeutschen“ und „Passdeutschen“ oder gestaffelte Sozialleistungen nach Abstammung). Hinzu kommt eine hasserfüllte Sprache und pauschalisierende Stigmatisierung durch Begriffe wie „Kopftuchmädchen“ oder „Messermänner“.
  • Völkisch-nationalistische Ausrichtung: Rückgriff auf geschichtsrevisionistische Rhetorik und historisch belastete Parolen (z. B. NS- und SA-Vokabular). Dies zeigt sich in der Forderung, sich vom sogenannten „Schuldkult“ abzuwenden und die Aufarbeitung der NS-Zeit im Geschichtsunterricht zu reduzieren, sowie im Erzwingen nationaler Symbolik (wie Deutschlandflagge und Nationalhymne an Schulen) bei gleichzeitigem Verbot von Vielfalts-Symbolen wie der Regenbogenflagge.
  • Bildungs- und Wissenschaftsleugnung: Forderungen nach Abschaffung der Schulpflicht (Degradierung der Schule als optionaler Ort), um den staatlichen Bildungsauftrag zu untergraben und kritische Inhalte aus den Lehrplänen zu drängen. Hier geht es zu einer ausführlichen Analyse. Ebenso die Leugnung wissenschaftlicher Erkenntnisse, etwa in der Klimaforschung durch die Entwertung erneuerbarer Energien („Windmühlen der Schande“) bez. Windkraft aber auch Solarenergie.
  • Pro-russische Außenpolitik: Befürwortung der Wiederaufnahme von Energieimporten aus Russland trotz des laufenden Angriffskrieges gegen die Ukraine, was die wirtschaftliche und politische Position des Aggressors stärken würde.​
  • Queerfeindlichkeit & Doppelmoral: Ablehnung von LGBTQ+-Rechten und Forderungen nach Verboten (wie der Regenbogenflagge an öffentlichen Gebäuden), gepaart mit inneren Widersprüchen: So inszeniert sich die Parteispitze einerseits als Hüterin traditioneller Werte, während Führungspersönlichkeiten wie Alice Weidel selbst in einer gleichgeschlechtlichen, binationalen Beziehung leben und ihren Hauptwohnsitz im Ausland (Schweiz) haben, während sie in Deutschland Politik machen.

Einordnung der AfD-Wählerschaft

Um wirksame Prävention und Medienbildung zu betreiben, ist es entscheidend, auch die Wählerschaft differenziert zu betrachten. Die Wählerschaft ist keine homogene Masse, sondern setzt sich nach soziologischen Analysen und Studien aus verschiedenen Hauptgruppen zusammen:

  • Der ideologische / rechtsextreme Kern: (ideologisch geschlossen) Wählerinnen und Wähler mit einem geschlossenen, gefestigten rechtsextremen, autoritären oder völkischen Weltbild. Diese Gruppe identifiziert sich vollumfänglich mit den Inhalten der Partei, unterstützt geschichtsrevisionistische Positionen und ist für demokratische Argumente kaum erreichbar. Sie bildet die Basis für die Weiterverbreitung ideologischer Inhalte in den Netzwerken. Diese Personen empfinden das Parteiprogramm und die Aussagen einiger Politiker als Spiegeln der eig. kulturellen Prägung. Hier spielt Homophobie, ausländerfeindliche Einstellungen, Gewaltbereitschaft und die Zugehörigkeit zu rechtsextremen und rechtsradikalen Gruppen eine große Rolle.
  • Die Unzufriedenen & Protestwähler: (dialog- und umstimmungsbereit) Personen, die primär aus Unmut über bestehende Verhältnisse, die aktuelle Regierungspolitik („Denkzettel-Motiv“) oder wahrgenommene Zukunftsängste und Kontrollverluste wählen. Sie teilen oft nicht zwingend das gesamte rechtsextreme Programm, lassen sich jedoch von einfachen Versprechungen und populistischen Narrationen überzeugen. Hier muss ebenfalls unterschieden werden zwischen:
      Den Unwissenden / Geprägten: Wählerinnen und Wähler, denen die rechtsextremen Ansichten, Netzwerke und historischen Bezüge nicht bewusst sind – sei es durch mangelnde Information oder weil die eigene kulturelle und soziale Prägung Anschlussfähigkeit für solche Aussagen bietet, ohne dass eine rechtsextreme Ideologie reflektiert wird.
      Den Gleichgültigen / Billigenden: Wählerinnen und Wähler, denen die rechtsextremen Strömungen und Verbindungen innerhalb der Partei durchaus bewusst sind, die dies jedoch billigend in Kauf nehmen oder als zweitrangig gegenüber ihrem Protestmotiv einstufen („Es ist ihnen egal“).

  • Die Empfänglichen für gezielte Desinformation & Kulturkampf: (präventiv erreichbar durch Aufklärung) Personen, die durch soziale Medien, alternative Algorithmen-Blasen und gezielte (persuasive) Kampagnen schrittweise emotionalisiert werden (z. B. im Bereich Migration, Klimapolitik oder Gender-Debatten). Hier greift die medienpädagogische Gefährdung: Durch die ständige Beschallung mit Kurzvorträgen, Zuschnitten von Landtagssitzungen oder Polarisierungs-Streams auf TikTok und YouTube werden schrittweise Vorurteile verstärkt und Vertrauen in demokratische Prozesse abgebaut.

Warum diese Unterscheidung wichtig ist: Während der feste Kern gezielt Agitation betreibt, geraten vor allem Protestwähler, Jugendliche und verunsicherte Bürger ins Visier der Strategen. Ein pauschales Abstempeln aller Wähler als „unrettbar rechtsextrem“ greift soziologisch zu kurz und verstärkt im Netz eher Abwehrreaktionen. Unser Ziel Lehrkräfte und Bezugspersonen muss es sein, genau bei denjenigen anzusetzen, die empfänglich für gezielte Einflussnahme sind, indem wir Medienkompetenz und faktenbasierte Aufklärung fördern.


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